Rechte Medienstrategie: Stefan Bauer und der Missbrauch der Pressearbeit

Screenshot Youtube-Kanal, Stefan Bauer

Die Szene der selbsternannten „Alternativen Medien“ wächst. Immer mehr rechte Aktivist:innen streamen live von rechten und neonazistischen Veranstaltungen, was bedeutet, das rechte Propaganda über Youtube und Co. multipliziert wird und Tausende erreicht. Polit-Aktivist:innen, wie zum Beispiel Stefan Bauer, treten dabei vermehrt als Pressevertreter:innen auf und weisen sich vor Ort mit gekauften Presseausweisen aus. Das ist ein Problem und gefährdet nicht nur Fachjournalist:innen, es untergräbt die Demokratie.

von KonLex und Friedenswatch

Verschwörungsideologische Versammlung von Hildmann: Krude Reden und Bedrohungen

Am Samstag, den 27.06.2020, hielt Attila Hildmann erneut eine von seinen verschwörungsideologischen Versammlungen ab. Nachdem er in den letzten Wochen die Treppen des Alten Museum im Berliner Lustgarten als Tribüne für seine kruden Reden nutzen konnte, führte seine Route dieses Mal zur Berliner Messe. Nach einem Autokorso unter Begleitung der Polizei auf Motorrädern, sah sich Hildmann im Recht, gegen Umstehende vorzugehen: Gegen einen jungen Mann mit schwarzem Mund-Nase-Schutz und gegen einen älteren Mann auf einem Fahrrad, dem Hildmann vorwirft, Straftaten begangen zu haben. Hildmann nennt ihn einen „Verräter“ und will, dass er verschwindet.

Einem Journalisten des JFDA kommt Hildmann bedrohlich nahe und nennt ihn einen Faschisten, und „[wir] werden Eure Namen finden und dann gucken wir weiter.“ Das ist eine Drohung, die im Kontext von Hildmanns Reden betrachtet werden muss. In diesen äußert er immer wieder Bestrafungsphantasien, nach denen die von ihm als schuldig ausgemachten Personen vor irgendwelche Militärgerichte gestellt werden müssen. Nach seinen Behauptungen handelt es sich um ca. 500 Verschwörer, zugleich erklärt er alle Politiker:innen in Deutschland zu „99% “ zu „Volksverrätern“. Sein Hass ist also umfassend, und seine Anhänger:innen applaudieren. Es sind keine leeren Worte.

Stefan Bauer und die Manipulation von Fakten

Unterstützung bekam Hildmann bei seinem Einschüchterungsversuch von dem selbsternannten Journalisten und Mitglied des Vorstandes der AfD Rosenheim Stefan Bauer. Bauer betont vor Ort immer wieder, Journalist zu sein und den Journalisten des JFDA nur interviewen zu wollen, obwohl dieser sehr deutlich äußert, sich bedrängt zu fühlen und Bauer auffordert, auf Abstand zu gehen. Das alles geschieht unter den Augen der Polizei, die beinahe tatenlos zusieht. Zwei Mal wird Bauer auch von Beamten der Polizei angewiesen, auf Abstand zu gehen, was dieser mit der Behauptung abtut, dass er als Journalist in Sachen Abstand Sonderrechte besäße. Das ist grundfalsch: Auch Journalist:innen haben die individuellen Wohlfühlzonen des Gegenübers zu respektieren und in Zeiten von Corona auch den Mindestabstand im Sinne des Infektionsschutzes einzuhalten. Mit Sicherheit haben Journalist:innen kein Recht, Interviews zu erpressen oder Menschen penetrant und aggressiv zu nötigen. Bauer jedoch nimmt die „Verordnung körpernahe Dienstleistungen“ für sich in Anspruch und deutet diese in seinem Sinne um. Diese Verordnung wurde zum Beispiel für Haar-, Kosmetik- und Tattoostudios unter der Bedingung beschlossen, dass auch hier Hygienemaßnahmen beachtet werden. Der Mund-Nase-Schutz ist hier Pflicht. Bauer trägt keinen. Sein Vorgehen ist hier zu sehen:

beide Fotos: Aaron Rosenfeld

„Journalist:in“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Jede:r kann sich irgendwo hinstellen und behaupten, Journalist:in zu sein. Die Frage ist mehr, wie Beamt:innen vor Ort damit umgehen. Dem Shoahleugner Nikolai Nerling zum Beispiel, der sich noch nicht einmal mehr eine Plastikkarte im Netz kauft, sondern seinen Presseausweis im heimischen Drucker selbst ausstellt, gelingt es leider nur allzu häufig, als vermeintlicher Journalist Absperrungen zu passieren.
Neben Neonazis wie Sven Liebich, der sich Zugang zur Leipziger Buchmesse verschaffte und dort provozierte, ist ein weiteres Beispiel auch Billy Six, der sich eine Karte um den Hals hängt, auf die er „Freelance“ mittels Klebestreifen draufgeschrieben hat. Die Karte selbst kommt von der niederländischen Justiz und ist als Presseausweis in Deutschland eigentlich wertlos. Peter Schreiber, Chefredakteur des NPD-Presseorgans „Deutsche Stimme“ hat dagegen einen im Netz gekauften Ausweis. Solch einen hat wohl auch Stefan Bauer, den er zur Zeit nutzt, um die zutiefst antisemitischen Narrative von Hildmann ohne auch nur den Hauch einer kritischen Distanz unter seine knapp 50.000 Zuschauer:innen zu bringen. Natürlich – und das betonen sie alle gerne – gewaltfrei. Dass das nur ein Lippenbekenntnis ist und Fach-Journalist:innen am Rande von Aufmärschen und Kundgebungen von dieser wachsenden Youtube-Szene nicht nur bedrängt und genötigt werden, sondern auch körperliche Gewalt erfahren, zeigte sich auch beim Übergriff auf den JFDA-Vertreter. Genau das aber verschleiert der Pseudojournalist Stefan Bauer.

Zwei Ausschnitte derselben Szene

Die Szene dauert nur wenige Sekunden, und obwohl der Kameramann von Stefan Bauer günstig steht, ist sie bei ihm nicht zu sehen. Bauer verfälscht die Szene, in dem er im entscheidenden Moment kurz abblendet.

Möglich wird die technische Manipulation, weil Bauer seinen Stream zeitversetzt sendet. Wie er selbst erklärt, beginnt Hildmann mit seiner Veranstaltung um 13:00 Uhr, während die Sendung auf YouTube erst ab 13:45 geplant ist. Es ist ein ausreichender Zeitversatz, um die Szene optimal kurz zu überblenden.

Das folgende kurze Video zeigt einen Splitscreen aus zwei Aufnahmen derselben Szene. Nach einem 1s-BlackScreen folgen die entscheidenden Sekunden mit den beiden Blenden erneut in Zeitlupe mit Faktor 0,3. Das Echo resultiert aus einem leichten Zeitversatz der beiden Tonspuren. Beim linken Video handelt es sich um den Stream von Stefan Bauer. Die entscheidende Szene, wo dem Journalisten in die Kamera geschlagen wird, fehlt hier. Das rechte Video ist ein Auszug aus einem Video vom Youtube-Kanal “St.”. Dort ist die Szene zu sehen.

Links: der entscheidende Ausschnitt aus dem Video-Stream von Stefan Bauer ohne den Schlag gegen die Kamera. Rechts ein Video-Auszug vom selben Moment vom Youtube-Kanal St.

Bauer, der selbst zur Fraktion der „Lügenpresse“-Krakeeler:innen gehört, nutzt den Zeitversatz also, um die Berichterstattung zu manipulieren und seine Zuschauer:innen zu täuschen. Mit keinem Wort geht Bauer auf den Schlag gegen die Ausrüstung des JFDA-Vertreters ein. Er ist, wenn wir die Kutsche retour fahren, selbst ein Lügner, der die Berufsbezeichnung „Journalist“ missbraucht.

Stefan Bauers fragwürdiger Umgang mit dem Presserecht

Es ist nicht das erste Mal, dass Bauer Journalist:innen an ihrer Arbeit hindert und politische Gegner:innen bedrängt. Bereits eine Woche vorher verfolgte er Journalist:innen am Rande der Parade der Verschwörungs-Truppe „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand.“ Bereits dort zeigte er sein fragwürdiges Verhältnis zur Pressearbeit. Auch dort wurde er von den Betroffenen aufgefordert, sie nicht zu bedrängen und zu belästigen. Auch dort arbeitet er im Stream mit Abblendungen, um Szenen zu verkürzen. Außerdem legt er den Betroffenen Dinge in den Mund und unterstellt ihnen, eine Art neue Stasi zu sein. Schließlich freut er sich, diese an ihrer Pressearbeit behindert zu haben. Dabei arbeitet er im Team mit zwei Kameraleuten, die sich an der Behinderung und Nötigung beteiligen. Es sind dieselben, die auch das JFDA bedrängen.

Das Kamerateam von Stefan Bauer, vorne Tino, hinten mit weißer Maske Micha, der Bauers Propaganda auf seinem eigenen Youtube-Kanal „Freidenker“ promotet.
Screenshot: Video des Jfda.

Auch bei Twitter sind diverse Belästigungen und Nötigungen durch Stefan Bauer dokumentiert. Am 30.05. bedrängte er Antifaschist:innen und nötigte diese, offensichtlich mit der gleichen Masche.

Der angeblich gewaltfreie Youtuber Stefan Bauer verletzt mit seinem Videos immer wieder die Persönlichkeitsrechte von betroffenen Journalist:innen, die er dann den Gewaltaufrufen und Vernichtungsphantasien seiner streng rechten Communty ausliefert.

Am Rande der Hildmann-Demo, so sagt Stefan Bauer in einem Video, sei auch eine kürzlich zu Bekanntheit gekommene Journalistin der Tageszeitung Taz gewesen, die er gern interviewt hätte. Sie hätte ein Kleid mit bunten Punkten getragen. Gemeint ist wohl Hengameh Yaghoobifarah, deren Polizei-Polemik eine Debatte auslöste.

Wenige Tage später erscheint merkwürdigerweise nicht auf Bauers eigenem, sondern auf dem relativ kleinen Kanal des Kameramanns, der Bauer regelmäßig begleitet, ein kurzes Video, in dem Bauer die Hildmann-Kundgebung noch einmal einschätzt. Die Polizei, so sein Resümee, war gegen die Veranstaltung von Attila Hildmann eingestellt, weil sie die “Antifa-Journalisten“ gewähren ließ, statt sie zu vertreiben. Als Beleg wird ein Smartphone-Videoclip eingeblendet, der ihm offenbar zugespielt wurde. In der Szene zu sehen ist nach Bauer jene Taz-Journalistin. Doch der Clip zeigt nicht Hengameh Yaghoobifarah, diese war überhaupt nicht vor Ort. Gefilmt wird eine Journalistin im gepunkteten Kleid. Da der Clip die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen verletzt, folgt keine Einbindung, sondern eine Beschreibung.

Die Aufnahme zeigt die Perspektive einer Frau, die mit einem Handy eine Journalistin im gepunkteten Kleid filmt. Vor diese haben sich schützend Polizisten gestellt. Die Frau geht filmend auf die Journalistin zu und fordert die Polizei fortwährend auf, der Journalistin das Fotografieren zu verbieten. Die Polizei jedoch fodert ihrerseits die Frau mit dem Handy auf, das Filmen zu unterlassen. Schließlich droht ihr eine dazukommende Polizistin energisch an, ihr das Handy wegzunehmen, falls sie das Filmen nicht sofort unterlassen sollte. An dieser Stelle endet der Clip. Diese Szene nutzt Stefan Bauer nun als Beleg für seine These, die Polizei stünde auf Seiten von Antifaschist:innen, die er mit Terrorist:innen gleichsetzt. Nebenbei bittet er seine Zuschauer:innen via Livestream, ihn mit Videoclips zu versorgen. Am besten mit solchen von Flashmobs, in denen normale Menschen zusammen mit einem “Bürgermeister”, einem “Landtags- oder Bundestagsabgeordneten” in eine Kamera rufen: „Corona ist eine Lüge“.

So sind sie, die Träume des “Journalisten”, der keiner ist.

Kein Journalist, sondern rechter Aktivist

Bauer, der lange den “Bilderbergern” nachgeforscht hat und stolz darauf ist, 2011 für Alex Jones von einem Bilderbergtreffen berichtet zu haben, hat seinen Kanal von bestimmten Inhalten bereinigt. Dieser hieß damals „MegaGloton“ und leitet heute auf den aktuellen Kanal um – „MegaGloton“, so viel Übertreibung muss sein. Zu Bauers Karriere siehe auch den zusammenfassenden Beitrag bei rechtemedieninfo.

Als Mitglieder der neofaschistischen Identitären im März nach Griechenland reisten, um Geflüchtete am Ankommen zu hindern, war auch Stefan Bauer mit dem Rassisten Oliver Flesch vor Ort. Sie wurden leider für „die Mainstream-Presse“ gehalten und Bauer bekam das ab, was er anderen Journalist:innen an den Hals wünscht. Er wurde angegriffen und verletzt.

Stefan Bauer tritt auf Veranstaltungen von denen er behauptet, zu berichten, auch als Redner auf. So zum Beispiel am 13.06.2020, als die sogenannten „Corona-Rebellen“ eine Kundgebung am Brandenburger Tor abhielten. Unter einem Plakat, dass das Hufeisen-Konstrukt deutscher Behörden bemühte und sich gegen „Extremismus“ aussprach, trat hier auch ein erkennbarer Neonazi auf, der sich auch am Übergriff auf das JFDA beteiligte. Bauer selbst relativierte in seiner Rede die Ermordung von George Floyd durch die Polizei in den USA und hetzte wie schon der Neonazi vor ihm gegen Antifaschist:innen.

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Bauer als Redner einer Veranstaltung, auf der er gleichzeitig als Journalist auftrat.

Feindbild „Antifa“ im Einklang mit Donald Trump und der Verschwörungssekte Qanon

Für Bauer sind politische Gegner:innen aller Lager „Stasi-Spitzel“ oder sind gar im Auftrag der „Antifa“ unterwegs. Aber wer ist für Bauer ein “Antifa-Fotograf”? Alle, die eine Kamera mit Teleobjektiv verwenden. In Zeiten der Bedrohung durch Sars-CoV-2 auch alle, die einen Mund-Nase-Schutz tragen. Die “Antifa”, so hat es der laut Q gegen den „Tiefen Staat“ kämpfende US-Präsident dekretiert, ist eine Terrororganisation. Sie ist Teil der Verschwörung, die sieben Milliarden Menschen chippen, töten, zwangsimpfen will, und Bauer, der “Journalist”, sieht sich im “Widerstand”. Doch dem selbsternannten “Krieger des Lichts” sind die Hände im Kampf gegen das Imperium gebunden. Es ist ihm und seinen Kameraden und Kameradinnen bisher nicht möglich, missliebige Personen wegzusperren oder sonst wie auszuschalten. Aber Bauer kann stattdessen Fragen stellen, die “richtigen Fragen”, wie es unter den Verschwörungsideolog:innen heißt, und zwar die, die in den “Hauptstrommedien” (Bernd Höcke bevorzugt die deutsche Übersetzung) nie gestellt werden.

“Von wem sind Sie hier engagiert worden, dass Sie sich hinstellen?”
“Oh, haben Sie Angst, brauchen Sie Beamte?”
“Sind Sie vom Staat, sind Sie selbst vom Staat?”
“Von wem werden Sie engagiert?”
“Für wen sind Sie denn unterwegs?”
“Warum sagen Sie nicht, von wem Sie sind?”
“Warum steht hier bloss Presse?”
“Für wen machen Sie denn das Ganze?”
“Wenn Sie auf eine Demonstration gehen, wollen Sie doch bestimmt was ausdrücken. Was wollen Sie denn ausdrücken?”
“Die Welt möchte es wissen, 5.000 Menschen schauen auf Sie zu. Wie stehen Sie zu Black Lives Matter?”
“Was… wo…  wofür steht Black Lives Matter BLM? Ist das hier eine Organisation, die dafür sorgt, dass Biden wieder an die Macht kommt? Weil Trump sagt ja, Merkel ist…”
“Wie stehen Sie zu Black Lives Matter?”

Das sind die Fragen, mit denen Bauer den Mitarbeiter des JFDA traktiert, während dieser ihm rückwärts versucht auszuweichen. Weder haben diese Fragen irgendwas mit Journalismus zu tun, noch sind die Schlüsse, die Bauer aus den Nichtantworten zieht, faktisch gedeckt. Es sind Mutmaßungen und Behauptungen, die von Bauers verschwörungsideologischen Überzeugungen gespeist sind, und diese brauchen keine Fakten.

Dafür haben seine Fragen viel mehr mit der Qanon-Sekte zu tun, mit dem „Tiefen Staat“, dessen Vertreter Joe Biden sein soll, dem demokratischen Herausforderer von Trump in der Novemberwahl, und der – so die Erzählung – durch die BLM-Bewegung zum Präsidenten gemacht werden soll. BLM gehört in diesem Weltbild auch zum „Tiefen Staat“, und Bauer glaubt, der JFDA-Mitarbeiter vor ihm könne Auskunft geben über die Details der gigantischen, satanistischen Weltverschwörung der “Eliten”. Bauer stellt also die “richtigen Fragen” und er folgert in sein professionelles Lavalier-Mikrofon:

“Aber das, was die Antifa möchte, ist einfach nur Bürgerkrieg. Und das muss man ganz klar herausstellen: Antifa ist gleich Bürgerkrieg. Ist gleich… Altpartei. Und solange sie dieser These nicht widersprechen, machen sie sich mitschuldig am kommenden Bürgerkrieg. Antifa, Antifa diskutiert mit uns, ansonsten habt ihr alle Ehre verwirkt.”

Quelle: „11. Konferenzschaltung aus 10 deutschsprachigen Städten“, YouTube-Kanal, Stefan Bauer (gesendet am 27.06.2020), Min. ca. 00:56:00.


In diesem Augenblick kommen zwei Neonazis ins Bild, die Bauer etwa eine Stunde zuvor in seinem Stream begrüßt hatte. Sein Kameramann hatte dazu angemerkt, sie seien Bauers Bodyguards, während Bauer lachte und die beiden umarmte. Auch sie gehören zu Bauers Drohkulisse an diesem Tag gegen den Mitarbeiter vom JFDA.  

Neonazis, die seit den Hygienedemos mit Bauer öfter im Umfeld der rechten Youtube-Szene zu sehen sind. Die vordere Glatze trat vor Bauer schon bei den „Corona-Rebellen“ mit einer grotesken Rede auf.

Bauer ist Teil einer stetig wachsenden Youtube-Szene von Pseudo-Journalist:innen

Bauer erklärt anwesende Journalist:innen immer wieder zu Demonstrationsteilnehmer:innen und ermächtigt sich dadurch selbst, sie konfrontativ anzugehen. Er wirft ihnen vor, rechtlich unzulässige Aufnahmen zu machen, während er selbst unter Missachtung des Rechtes am eigenen Bild, Journalist:innen aus nächster Nähe abfilmt oder Aufnahmen anderer veröffentlicht. Er erklärt sie zur “Antifa” oder „Antifa-Terroristen“ und markiert sie als “Feinde” des “Widerstands”, und das bedeutet in dieser Zeit eine konkrete Gefährdung.

Als Atilla Hildmann die Presseberichte über das Video des JFDA verarbeitet hatte, filmte er sich am Sonntagabend selbst im Vegan-Porsche beim Autofahren mit Hund und versuchte, sich zu rechtfertigen. Nebenbei erwähnte er, dass er Strafanzeige gegen eine Person gestellt habe. Auf diese Weise würde er an deren Daten kommen. Und man muss die Frage stellen, was er mit diesen Daten anstellen will. Es ist ernst.

In einem anderen Video vom 06.07.2020 trifft Bauer vor dem Vegan-Laden von Attila Hildmann auf den rechten Youtuber „Aktivist-Mann“, der ihm Gelegenheit gibt, die kritische Berichterstattung zu seinem fragwürdigen Vorgehen gegen den Pressevertrer des JFDA zu „Fakenews“ zu erklären. Dabei verdreht Bauer den konkreten Übergriff und behauptet nun seinerseits, das JFDA würde Doxing betreiben. Als Beleg verlinkt er auf ein Übersichts-Foto einer ganz anderen Hildmann-Veranstaltung vor dem Alten Museum. Was diese Täter-Opfer-Umkehr mit dem JFDA zu tun haben soll, bleibt sein Geheimnis.

Aber Bauer plaudert hier auch aus dem Nähkästchen:

„Was das Problem bei der ganzen Geschichte war, war halt, ok, wenn wir Ordner gehabt hätten, dann, auf dieser Veranstaltung, dann hätten wir natürlich, dann hätten die Ordner das Ganze besorgt, so wurde ich quasi ungefragt selbst ernannt zum obersten Ordner, und hat mich auch keiner gebremst…“

Quelle: „Fake News bei Bild und focus-online über – mich! Interview vom Aktivist-Mann“, Youtube-Kanal, Stefan Bauer (hochgeladen am 06.07.2020), Min, ca. 02:30

Bauer konterkariert sich selbst. Er, der immerfort betont, Journalist zu sein, spricht von „wir“. Er ist nicht nur Teilnehmer der Versammlung, er sieht sich sogar in der Rolle des Ordners. In dieser Rolle hat er dafür zu sorgen, dass politische Gegner:innen und Journalist:innen der Versammlung fernbleiben. Bauer ist kein Journalist. Da Bauer weiß, dass er die Pressearbeit für extrem rechten Aktivismus missbraucht und Persönlichkeitsrechte verletzt, entzieht er sich auf seinem Youtube-Kanal vorsorglich mit folgendem Hinweis der Verantwortung:

„Es handelt sich hierbei um Polit-Satire. Falls sich irgendjemand beleidigt fühlt, bitte ich um Entschuldigung! Art. 5 III Satz 1 GG, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit“

Quelle: Youtube-Kanal Stefan Bauer, der Hinweis findet sich unter den Video-Beschreibungen, Beispiel hier als Archiv-Link.

Es ist dringend Zeit, dass Fach-Jounalist:innen, die von extrem rechten Veranstaltungen berichten, besser geschützt werden. Ein erster und wichtiger Schritt wäre, sich als „Journalist:innen“ aufführende Aktivist:innen mit selbstgebastelten oder gekauften „Presseausweisen“ keine Presseprivilegien zu gewähren und sie als die zu behandeln, die sie sind: Aktivist:innen, die an Veranstaltungen teilnehmen.

Übrigens machte im Februar 2019 auch der deutsche Journalistenverband auf die Gefahr, die vom Einsatz von „falschen Presseausweisen“ durch die extreme Rechte ausgeht, aufmerksam. Leider ist das bei Behörden immer noch nicht angekommen. Mit den Corona-„Hygienedemos“ wurde das breite Ausmaß einer stetig wachsenden und gut vernetzten Szene noch einmal deutlich.

Hinweis:
Eine Recherche zu dem florierenden und nicht illegalen Geschäft mit den Presse-Plastikkarten schrieb Henrik Merker für ZeitOnline.