Geschichtsrevisionismus und Entlastungs-Antisemitismus: Ken Jebsen und die „Corona-Diktatur“

Wer sich Jebsens Gesabbel nicht anhören kann, unten angehängt ist das Transkript.

Dass der Antiaufklärer Ken Jebsen das Corona-Virus für eine Inszenierung halten würde, kreiert um einen totalitären Staat zu installieren, überrascht nicht. Vielmehr bleibt er sich mit seiner Version des schuldentlastenden Märchens von den verführten Deutschen selbst treu.

In dem Video „Corona-Diktatur? Machtergreifung im Deckmantel der Volksgesundheit?“, hochgeladen am 27. März 2020 auf KenFM, zeigt sich Jebsen im heimischen Wohnzimmer hinter Gittern und bietet flüsternd folgendes Szenario bezüglich des Corona-Virus:

Eliten haben Hand in Hand mit Medien und staatlichen Strukturen das Corona-Virus ausgeheckt, um die Bevölkerung in Panik zu versetzen und hinterrücks totalitäre Bestimmungen auszutesten, die wiederum als Maßnahmen zur Eindämmung des Virus getarnt wurden. Damit wollen diese Eliten das Aufbegehren der Bevölkerung unterbinden, um ihre Machenschafften weiter ungestört verfolgen zu können.

Soweit ein alter Hut, der sich in ähnlichen Varianten auch bei anderen Verschwörungs-Gurus wiederfindet. Interessant ist bei Jebsen etwas anderes: Es ist die ständige Bezugnahme auf den Nationalsozialismus und die daraus resultierenden schiefen Vergleiche, die mit der Relativierung der Shoah und Geschichtsrevisionismus einhergehen. So ist das Virus für Jebsen nur Mittel zum Zweck, um die Unterdrückung der Bevölkerung zu optimieren. Das Virus ist „die Idee“, quasi morderne Kriegsführung, die Panzer und sonstiges Kriegsgerät überflüssig macht. Hitler oder auch Honecker – so malt er sich aus – hätten davon nur träumen können. Im Deckmantel der Satire fabuliert Jebsen mit vor Verzückung entstelltem Gesicht, dass er nun endlich nachfühlen könne, wie sich der Beginn der Shoah für „unsere Großeltern“ angefühlt habe und davon, dass die Lage heute irgendwie auch schlimmer sei, denn unter Hitler habe es trotz Bomben keine Ausgangssperren gegeben.

Dass es auch heute keine Ausgangssperren gibt, sondern Einschränkungen und Apelle, Kontakte auf ein Mindestmaß zu reduzieren, ist für Jebsen nebensächlich. Fakten interessieren ihn nicht, denn um eine echte kritische Debatte ist es diesem antiemanzipatorischen Aluhut nicht gelegen. Vielmehr wird die jetzige Krisensituation für die eigene Agenda und das Schüren von Ressentiments missbraucht, wobei der Deutsche Massenmord an Jüdinnen und Juden von der vernichtungsantisemitischen Ideologie befreit, zu einem beliebigen Missgeschick in der Geschichte verkommt, gleichbedeutend mit heutigen Corona-Infektionsschutzmaßnahmen.
Außer für sich selbst, empfindet Jebsen keine Empathie, schon gar nicht mit Betroffenen der Shoah, aber auch nicht mit schwer an Covid-19 Erkrankten oder mit Menschen, die im Gesundheitsbereich aufgrund der Epidemie an ihre Grenzen gehen. Stattdessen bagatellisiert er die nationalsozialistische Tötungsindustrie, wenn er von „Lagern“ phantasiert, in denen Menschen schon bald verschwinden könnten, um diese im gleichen Atemzug „Corona-Krankenhäuser“ zu nennen.

Aus heutigen Ärzt:innen werden in weiße Kittel gesteckte Handlanger:innen der Regierung, deren Aufgabe es sei, Autorität vorzugaukeln, um Akzeptanz für ein „Gehorsamsexperiment“ zu generieren. Gleich mehrfach zieht Jebsen einen Vergleich zu Ärzt:innen im NS, die den Medizin-Begriff im NS-Ideologischen Sinne pervertierten und als Forschung getarnte sadistische Verbrechen an Menschen verübten.

Das ist keine Kritik an überzogenen
Maßnahmen, das ist eine Relativierung
der Shoah. Quelle: KenFM/Twitter,
siehe dazu auch RIAS

Dass im Nationalsozialismus Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und andere Minderheiten, sowie Regimegegner:innen systematisch verfolgt, entrechtet und ermordert wurden, unterschlägt Jebsen in seinem halbstündigen Monolog zugunsten des längst widerlegten Märchens von den Deutschen als eine arme manipulierte Schicksalsgemeinschaft, die nichts ahnend selbst zum Opfer der Nationalsozialisten wurde. Sich selbst schiebt der Pseudo-Welterklärer dagegen in maßloser Selbstüberschätzung die Rolle des Widerständlers zu, wenn er sich zu einer neuen Version von im NS verbotenen Sendern macht oder von den Geschwistern Scholl eine direkte Parallele zu „Alternativen Medien“ zieht und andeutet, er selbst könnte aufgrund seiner Tätigkeit stillschweigend „abtransportiert“ werden.

Konsequent schreibt der ehemalige Fernseh- und Radiomoderator sein Opfer-Narrativ fort, in dem er sich als Verfolgter und Widerstandskämpfer in Personalunion gegen eine demokratische Regierung wähnt, die er dabei zu Faschismus verkehrt und Zusammenhänge konstruiert, die es nicht gibt. Natürlich kommt Jebsen auch hier nicht ohne einen Tritt gegen das kleine Land Israel aus, das für ihn Inbegriff eines faschistischen Staates ist. Aber auch die AfD wird von Jebsen verharmlost, wenn er so tut, als sei die Kritik an der nachweislich in großen Teilen faschistischen Partei von einer bloßen Laune und Doppelmoral getragen.

Zu erwähnen ist auch der schlechte Zirkus, den Jebsen initiiert. Dieser gefällt ihm selbst aber offenbar so gut, dass es gleich zwei Folge-Videos mit ähnlichem Gitter-Szenario gibt. In einem präsentiert er sich mit Schutzmaske, auf der eine Art Hitlerbärtchen gemalt ist, während er im Hintergrund säuberlich Bücher über Hitler aufgebahrt hat. Der Tenor: Es ist 5 vor 12 und das Robert Koch-Institut nutzt eine harmlose Krankheit, um mit Lügen das Grundgesetz abzuschaffen.

„5 vor 12“ war übrigens schon 2016 Jebsens Stichwort. Damals wollte er nichts weniger als eine Revolution anzetteln, die aber wegen mangelndem Interesse ausfallen musste. Sein Mobiliserungspotential hatte seine Grenzen erreicht und statt der vorausgesagten 25.000 Unterstützer:innen, waren nur etwa 600 Personen gekommen. Darunter braune Esoteriker:innen, Antisemit:innen, Reichsbürger:innen und Friedens-Querfrontler:innen mit abgeschlossenen Weltbildern, die einem breiten Repertoir an Verschwörungserzählungen anhängen.

Transkript

(Zitiert aus der oben angehängten, auf knapp fünf Minuten gekürzten Fassung des 30:39 Minuten langen Originals „KenFM: Corona-Diktatur? Machtergreifung im Deckmantel der Volksgesundheit?“, zuletzt aufgerufen am 08. April.)

„Es ist ja im Moment wahnsinnig gefährlich in Deutschland irgendwas zu sagen. […] Wenn man sich mit Geschichte beschäftigt zum Beispiel, also unsere Großeltern zum Beispiel, da hab ich mich immer gefragt, ich weiß nicht, ob ihr euch gefragt habt, ähm, wie hat denn das angefangen? Also als die völlig gemerkt haben, ähm, dass die Nachbarn plötzlich immer weniger wurden, vor allem mit jüdischem Hintergrund und so. […] Und wenn ihr euch auch die Frage gestellt habt, wie hat sich das angefühlt, hmhm, das war so wie jetzt! Genau so! […] Es gibt allerdings ein Unterschied zu damals – ich muss ab und zu rausgucken ob irgendjemand… mich vielleicht beobachtet – und zwar 1943 oder bis 45, als es noch richtige Bombennächte gab […] da gabs keine Ausgangssperre. Nein, und ich hab mir folgendes überlegt: wenn Erich Honecker zum Beispiel, ja, wenn der gewollt hätte, dass die Mauer länger stehen bleibt, der hätte bloß das mit der…mit der Corona haben müssen. Jede Diktatur, auch Adolf Hitler hätte das nur mit der Corona haben müssen. […] Das ist ja die Idee. Und ich frage mich manchmal, ob das, was hier im Moment läuft, nicht parallel noch was ganz anderes ist. Also ne Art, ich nenne es mal Gehorsamsexperiment.

Und mir ist halt aufgefallen, wie war das denn damals unter den Nationalsozialisten? […] Weil zum Beispiel unter den Nationalsozialisten waren das ja auch Ärzte, die die Rassegesetze mitverabschiedet haben und mit durchgesetzt haben und die auch in den KZ die Menschenexperimente gemacht haben. […] Das macht mich so ein bisschen nachdenklich, ähm, ob hier eben parallel zu all dem, ähm, die diejenigen eben, die gerne verhindern wollen, dass es so etwas wie die Gelbwesten überall gibt, ob die sich die Frage stellen, wie kann man das eigentlich machen, dass die Leute, ähh, also dass, dass die Bevölkerung ähmm, dass die der Elite nicht gefährlich wird, und das ist ganz einfach. Du musst einfach nur sagen, Achtung, da ist ein Virus und dann sperren sich die Leute selber ein. […] Du brauchst gar keine Polizei, du brauchst gar keine Panzer auf den Straßen. Es reicht, wenn du sagst, Achtung Corona, denn die Leute glauben, was in den Medien kommt. Und deswegen ist es wichtig, einfach mal zu lesen, wem gehören denn die Medien? Wem gehören die? Die werden ja von jemanden kontrolliert die Medien. Ich weiß das […] und wenn du dann dafür sorgst, dass immer wenn jemand ausbüxt, zum Beispiel, Wodarg oder Frau Mölling, dass du dann dafür sorgst in der Öffentlichkeit, dass die Person dermaßen fertig gemacht hat, in die Fresse, dass sich keiner mehr traut […] und genauso so war das eben zwischen 33 und 45 […].

Der Punkt ist, wenn ich jetzt eine Diktatur errichten wollte, wenn ich Elite wäre und ich hab mir die Frage gestellt, wie mache ich das ähhh, ohne dass das ein großer Aufwand ist, ich würds genauso machen. Wer von euch, wer von uns würde dann nicht genau so handeln wie unsere Großeltern, nämlich genau das machen, gmmm, ich glaube die Meisten. Oder? Ja. [schlürft ein Getränk] […] Denn die Meisten machen das und was ich hier mache, das ist wahrscheinlich Radio London.[…] Und Gott sei dank passiert das nicht unter der AfD, weil das wäre ja Faschismus. […] Aber unter uns, wenn Adolf Hitler die Möglichkeit gehabt hätte, nicht nur ähh diesen Volksempfänger Göbbelsschnauze, sondern das Internet und diese Möglichkeit ähmm Hysterie durch ähhh Social Media und äh äh äh und Viren, hätte der das genutzt? Hätte der das genutzt? Ich glaube schon! […]

Wir würden ja nie auf die Idee kommen, zu denken, einen Augenblick mal, ähh die Regierung, die, die nutzt ne Situation aus, um ganz andere Sachen noch durchzuwinken, wie Impfpflicht und vielleicht morgen auch noch Tracking […] in Israel passiert das übrigens auch, dass wenn du aus dem Haus gehst, wird das sofort gemeldet, das ist fast schon wie Überwachungsstaat. […] Wir haben im Moment eine fast totale Ausgangssperre und das hats nicht mal 1943 unter Adolf Hitler gegeben. […]

Ganz wichtig, glaube nur den offiziellen Quellen. Okay? Also, zum Beispiel Geschwister Scholl damals, ähm, zum Beispiel Weiße Rose, war keine offizielle Quelle. […] Ein totalitärer Staat wäre ja ruck zuck zu installieren. Das ist aber schon ein totalitärer Staat. […] Und man würde sich auch übermorgen dran gewöhnen, dass Menschen, die auf der Straße gesehen wurden, eingesammelt werden, in irgendwelche Lager gesteckt werden und da vielleicht… Co Co, wir nennen es nicht Lager, wir nennen es Corona-Krankenhäuser. Und ganz ehrlich, würdest du dann auf die Straße gehen? Du gehst jetzt nicht auf die Straße, weils verboten ist, aber dann würdest du auch nicht auf die Straße und genau das haben unsere Großeltern auch gemacht – 45. […] Ähm, es waren Ärzte, die das damals unter Adolf Hitler mitgetragen haben, es war Doktor Mengele, der auch die Koryphäe war, auch im weißen Kittel und deswegen, du musst eigentlich nur, ähhm die Autorität ähhhm, verkleiden. […] Und wenn übermorgen Kettenfahrzeuge durch Deutschland rollen, und an jedem Posten stehen und Leute wie ich nicht mehr auf Sendung sind, sondern abtransportiert werden, ganz ehrlich, würde sich irgendjemand einsetzen oder […], vielleicht posthum kriegt man mal einen Straßennamen.“


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