„Antideutsche“: Ein Gespenst geht um…

Antisemitische Sprachbilder im Feinbild des „Antideutschen“: Eine Spurensuche nach CIA-Schergen, Massenhypnotiseuren und Rattenfängern im Dunstkreis von KenFM von Soja

Ob Sexpartys, McDonalds-Besuche oder obskure Dating-Profile. Pulitzer-Preis-verdächtige Investigativ-Artikel über Antideutsche haben sich zu einem eigenen Subgenre entwickelt, bei dem keine Mühen gescheut werden, um dem ahnungslosen Publikum die Abgründe „Antideutschlands“ näher zu bringen. Mal verbringen die waghalsigen Journalisten ein Jahr lang in einer Facebook-Gruppe voller Jugendlicher, um ihre Memes zu analysieren; mal dient der „Antideutsche“ als diffuser Begriffsballon, in dem sämtliche innerlinke Konfliktpunkte von BDS über Israelkritik bis hin zum Streit über Antisemitismusdefinitionen projiziert werden, wobei die „obskuren Antideutschen“ gleichzeitig Mittel sind, sich bequem aller Themen zu entledigen. Gelegentlich soll es auch ernsthafte Kritik geben. Munkelt man.

Der „Antideutsche“ auf der Plattform KenFM

Besonderer Beliebtheit erfreut sich das Gerede von den Antideutschen im Dunstkreis von KenFM, einer rechtsoffenen, verschwörungsideologischen Querfrontseite, die nach ihrem Besitzer und Chefredakteur, dem ehemaligen rbb-Moderator Ken Jebsen, benannt ist. Mit rund 100.000 Besuchern pro Tag (Stand 2016) und 310.000 Abonnenten auf YouTube zählt KenFM zu den Schlüsselakteuren einer selbstdeklarierten Friedensbewegung, deren Ideologie sich aus einem Konglomerat aus Antiamerikanismus (mal offen, mal latent), Antisemitismus und Vulgärantiimperialismus zusammensetzt, in dessem egozentrischen Weltbild Russland, Deutschland und die USA als geopolitische Dreh- und Angelpunkte um die Ramstein Airbase kreisen. Daneben hat sich spätestens seit es Kritik an den Mahnwachen gibt ein weiterer Feind hinzugesellt: Der Antideutsche! Wer?
Folgt man den fachmännischen Ausführungen von Ken Jebsen, handelt es sich bei den Antideutschen um eine „Untergründung der CIA“, die in „politischen Organisationen als U-Boot eingesetzt wird“. Die Reichweite dieser „CIA-Schergen“ ist enorm: „Die LINKE, die Grünen und auch die Partei von Sonneborn“ ist von den Antideutschen unterwandert. Das Ziel? Jeden Ansatz von unabhängiger Friedensbewegung (gemeint ist zufällig er selbst) „im Keim zu ersticken“. Die Idee, dass die USA im Hintergrund die Geschicke der (deutschen) Politik lenken, ist nicht neu. Schon im Nationalsozialismus bediente man sich solcher Rhetorik und kreierte ein amerikanisches Zerrbild, das vorrangig für Profitgier, Konsum und Zerstörung westlicher Kultur verantwortlich gemacht wurde. Dass diese Wahrnehmung mit einem antisemitischen Feindbild Hand in Hand ging, wundert nicht. Ebenso wenig wie der Umstand, dass sich eben jenes auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs in den Topos des von US-Mächten kleingehaltenen Deutschlands niederschlug – und heute in den Reichsbürgern fortlebt. Kaum überraschend also, dass mit Rüdiger Lenz auch ein KenFM-Autor sein Geheimwissen über Antideutsche mitteilt, der auf Montagsmahnwachen mit reichsideologischem Gedankengut und mitreißenden Reden über die „BRD GmbH“ auf sich aufmerksam machte: In mehreren in Pathos, Larmoyanz und unbändiger Wut sich gegenseitig überbietenden Beiträgen bringt er die antideutschen Machenschaften ans Licht. So hätten diese erst die LINKE und die Grünen unterwandert und wären jetzt sogar dabei, sich die AfD unter den Nagel zu reißen.

Rüdiger Lenz, der den Beinamen NichtkampfPrinzip führt,
Titel seines Buches und so etwas wie sein
Lebenskonzept.

Man lernt bei ihm, dass auch die SPD mittels Antideutschen versuche, die Friedensbewegung zu spalten. Besonders bemerkenswert sind die hierbei verwendeten Sprachbilder: Die Antideutschen beherrschten die „Kunst der Verführung“, betrieben „Massenhypnose“ und wären „Rattenfänger“, die sich in diesem Land „gut vermehren“. In einem weiteren, nicht minder obskuren Artikel, identifiziert Lenz die Antideutschen und „die Antifa“ (beides wird hier Synonym verwendet – was in diesem Dunstkreis aber nicht selten ist) als „Werkzeuge imperialistischer […] Spitzen- und Regierungspolitiker“, denen sich alle anderen Parteien längst gebeugt hätten. Darauf folgend konstruiert er einen Gegensatz zwischen „Selbstbestimmungsallüren der AfD“ und „dem US-Imperium“, das von der „SA-Antifa“ (den Antideutschen) gestützt, Deutschland als Vasallenstaat unterjochen würde. „Die Hüter des Imperiums“ (ebenfalls die Antideutschen) würden alle Probleme erst erschaffen und sie dann „in alle Schichten hinein“ sozialisieren. Nicht nur sieht Lenz in der AfD eine Chance, um der deutschen Volksgemeinschaft ihr Recht auf Selbstbestimmung zurückzugeben, er hantiert auch mit antisemitischen Sprachbildern einer verführerischen  Elite, die die Massen hypnotisiert und von innen spaltet – das alles auf Geheiß des US-Imperiums.  

Ähnliche Sprachbilder finden sich auch bei der KenFM-Autorin Dagmar Henn, ehemalige Stadträtin der LINKEN in München. In einem bizarren Beitrag über Postmoderne, Identitätspolitik und Antideutsche (alle Begriffe werden hier weitgehend synonym verwendet), identifiziert sie Letztere mit der Auflösung der Gemeinschaft, selbstzerstörerischer Individualität und beklagt in einem Absatz, der an das faschistische Wehklagen über westliche Dekadenz erinnert, dass „man fast jedes Kriterium, das den Menschen bestimmt, (dank der Antideutschen) irgendwie in eine Trans-Form verwandeln, Gesichter zurechtschnitzen, Geschlechter wechseln“ könne. Auch Henn hat eine Metapher parat, um das Treiben dieser augenscheinlich sehr produktiven Elite zu veranschaulichen: Lepra! Lepra, so Henn „befällt die Nerven“ und führt zum „Absterben des Schmerzempfindens“ und das „Deutschland von heute scheint unter einer Form politischer Lepra zu leiden“. „Assistiert“ hätten dabei die Antideutschen (wer sonst), denn diese würden jeden Bezug zur Gemeinschaft und Nation zum „Baustein des Faschismus erklären“. Auch hier verbinden sich Antiamerikanismus und Antisemitismus: So werden im antisemitischen Weltbild sowohl die Juden für die „Zersetzung“ der (Volks-)Gemeinschaft verantwortlich gemacht, als auch der „jüdische Konsumgeist“ und die westliche Dekadenz mit der US-amerikanischen Lebensweise identifiziert.

Anschließend an Dagmar Henn, sieht Jochen Mitschka (Autor für KenFM und Rubikon, ein weiteres verschwörungsideologisches Querfrontmedium, für das u.a auch der neue stellvertretende Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Bundestag, Andrej Hunko, schreibt) in den Antideutschen die Vollstrecker der Postmoderne und rechnet sie einer „kulturellen Kraft“ zu, die daran arbeitet, dass „Wahrheit keine Rolle mehr spielt“. Raunend prophezeit er das Ende der Aufklärung und einen Rückfall ins Mittelalter.

Dirk Pohlmann (benfalls Autor für KenFM und Rubikon) will dementsprechend auch ein „Zersetzungspapier“ gelesen haben, in welchem die Antideutschen Intrigen und gezielte Angriffe auf Parteigenossen geplant hätten, um diese „buchstäblich krank“ zu machen und in den Wahnsinn zu treiben.

Die blumige Ausführung endet im „Dolchstoß“ gegen Sarah Wagenknecht, denn auch für ihren Rückzug aus der Politik waren selbstredend die Antideutschen verantwortlich.

Dirk Pohlmann ist Anhänger weiterer Verschwörungserzählungen

Man kommt nicht umhin im verschwörungsmythischen Grundrauschen von „Massenhypnotiseuren“ und „Verführern“, die linke Parteien unterwandern, spalten und zersetzen, um sie schließlich zu unterwerfen und gegen die Wahrheit ins Feld zu führen, antisemitische Tendenzen zu erkennen. Umso mehr, da immer wenn vom „Antideutschen“ die Rede ist, das Wehklagen über den Antisemitismus nicht weit ist. So werden sie vom BDS-Beschluss des Bundestages, über die Antisemitismus-Definition des IHRA bis hin zu einer imaginierten pro-jüdischen Meinungsdiktatur für sämtliche gesellschaftlichen sowie politischen Entwicklungen verantwortlich gemacht, die das Leben für Juden zwar lebenswerter gemacht, den selbsternannten Friedensaktivisten aber als Teil eines Plans dunkler (US-)Mächte erscheint. Dabei fungiert das Gerede vom „Antideutschen“ als ein weiteres und überaus bequemes, weil mehrheitlich nicht jüdisches, sich aber für jüdische Interessen einsetzendes, Ersatzobjekt, in dem sich ein Konglomerat aus teils strukturellem, teils sekundärem Antisemitismus, antiamerikanischem Ressentiment und Vulgärantiimperialismus Bahn bricht, das (weitgehend) auf unmittelbar judenfeindliche Äußerungen verzichtet und jede antisemitische Motivation bestreitet. Der Friedensaktivist  kann kein Antisemit sein, weil er kein Antisemit sein will – er ist schließlich auf der Seite der Guten. Felix Schilk, der an der TU Dresden u.a zu Antisemitismus und Verschwörungsideologien forscht, hat diese Tendenz bei Jebsen schon früh erkannt. In einem Interview mit „neues deutschland“ von 2017 bezeichnete er Jebsens obsessiven Hass auf „Zionisten“ als „Umwegkommunikation“. So behaupte Jebsen, dass es in den USA eine „zionistische Lobby“ gäbe, die sowohl die Medien als auch Hollywood kontrolliere. Laut Schilk konkretisiere Antisemitismus und Verschwörungsideologie in den Juden: „Verschwörungstheorien kommen zum Teil auch ohne Juden aus, oft läuft das aber zusammen.“ 

Von KenFM in Strukturen von DIE LINKE

Könnte man KenFM-Beiträge noch als ein aus dem Ruder gelaufenes Selbstbeschäftigungsprojekt für eine digitale Stammtischquerfront belächeln, wird es spätestens dann ernst, wenn ein Jebsen-Jünger seinen Platz verlässt, um der Welt sein Geheimwissen über die Antideutsche-CIA-Connection mitzuteilen. Leider betrifft das zu oft Linksjugend Solid. Einer dieser Experten für Antideutsche ist zum Beispiel Ramsis Kilani, der im Jahr 2014 mit mehreren Auftritten bei KenFM (u.a ein einstündiges Interview) Szeneberühmtheit erlangte.

Dort ließ er sich von Ken Jebsen über den „Antisemitismusvorwurf als Herrschaftsinstrument“ aufklären, um anschließend zu bejahen, dass der Antisemitismusvorwurf nur noch dazu da wäre, um „israelische Kriegsverbrechen zu legitimieren“. Angesprochen auf die Medien, die er konsumiere, bezeichnete Kilani „Russia Today“ als horizonterweiternd und schimpfte über seine feigen und engstirnigen Mitstudierenden, die es gewagt hatten, sich über KenFM eine vorgefertigte Meinung zu bilden. Erst am 12. Februar wurde Kiliani von Linksjugend solid Essen eingeladen, um über Antideutsche zu referieren.

Screenshot: Linksjugend’solid Essen mit einem Vortrag
von Ramsis Kilani

Apropos Russia Today, dort konnte man im Jahr 2015 einen weiteren Antideutsche-Experten bewundern: Dieter Dehm, dem ebenso langjährigen wie berüchtigten Bundestagsabgeordneten der LINKEN sowie bekennenden Ken Jebsen-Unterstützer. Und dementsprechend klingt es auch, wenn Dehm anfängt, Antideutsche als „antideutsche shitstorm-SA“ oder „imperialistische Spindoktoren“ zu bezeichnen, hinter denen er „Geheimdienste“ vermutet. 

Wie Rüdiger Lenz assoziiert auch Dehm Antideutsche mit der SA, die „Andersdenkende“ und ihre Räumlichkeiten kaputt schlagen würden. 

Screenshot: FB/ Diether Dehm macht auch vor Relativerungen
des NS nicht halt.

Zu guter Letzt hat auch die MLPD seit Neuestem die Antideutschen für sich entdeckt. In unzähligen Broschüren und Handreichungen, warnt sie vor den von „Israel bezahlte[n] Spaltpilze[n]“. Es bleibt abzuwarten, ob die Verleugnung realer politischer Verhältnisse, sowie regressiver Elemente zu neuen politischen Bündnissen führen wird. Gerade weil sich bereits jetzt im sich als antiimperialistisch gerierenden Aktivismus rund um KenFM und Rubikon viele ideologische Anknüpfungspunkte mit der selbsternannten Neuen Rechten finden lassen. Die Antideutschen kommen da nur allzu gelegen.

Primärquellen als Archive-Links:

Rüdiger Lenz: Offener Brief an Herbert Grönemeyer. KenFm, Tagesdosis 18.9.2019
http://archive.is/wip/fyWrv

Rüdiger Lenz: SPD will uns ver-linken. KenFm, Tagesdosis 5.2.2020
http://archive.is/uT8xy

Rüdiger Lenz: Wenn die Lösung das Problem ist. KenFm, Tagesdosis 19.2.2020
http://archive.is/wip/mHkfD

Dagmar Henn: Die lepröse Republik. KenFm, Standpunkte, 30.10.2019
http://archive.is/wip/7VOPc

Dagmar Henn: Friedensfreunde in der Falle – zur Absage der Münchner Friedenskonferenz. KenFm, Standpunkte, 22.01.2020
http://archive.is/wip/jo5WP

Jochen Mitschka: Warum wir lernten, die Wahrheit zu ignorieren. KenFm, Standpunkte, 23.11. 2019
http://archive.is/QviHL

Dirk Pohlmann: Die Linke beherrscht eines perfekt: das Säureattentat auf sich selbst (Podcast), Von Wikipedia bis Bayern, von Sahra Wagenknecht bis Koblenz, die Linke hat ein Problem. KenFM, Tagesdosis 26.3.2019
http://archive.is/ME9cr

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