Das Zentrum für politische Schönheit und die Verfälschung der Shoah

Die Säule des ZPS, die kurzerhand über Nacht zur „Schwurstätte“ wurde, steht immer noch lieblos mitten in Berlin und ist von Absperrgittern umgeben. Ein Grabplatte, mit der unsinnigen und selbst der ursprünglichen Idee widersprechenden Aufschrift „Hier liegt die Deutsche Diktatur im Frieden“ ist ebenfalls noch zu finden.

An der Säule des „Zentrums für politische Schönheit“ (ZPS), die seit Dezember neben dem Kanzleramt in der Mitte Berlins steht, gibt es viel Kritik. Dabei ist der Blick auf die Geschichtsverfälschung durch die „radikalen Künstler“ zu kurz gekommen. Insbesondere Zitate, die das ZPS immer wieder anführt, sind essentiell für deren laut Ruch „wichtigste Aktion“. Erst durch diese fühlt sich das ZPS zur Tat ermächtigt. Aber an den Zitaten ist nicht viel dran, schlimmer noch, das ZPS hat sie massiv verfälscht. KonLex hat sich intensiv mit der Einordnung der Zitate beschäftigt und weist auf Twitter in mehreren Threads nach, wie sich das ZPS nicht nur die menschlichen Überreste der Opfer der Shoah aneignet, sondern auch ihre Texte umschreibt und umdeutet. Seine Recherchen haben wir hier als Text zusammengetragen.

Quelle: FB Philipp Ruch

Das ZPS und die Zitate

Die Aktionskünstler des „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS) haben Anfang Dezember in Berlin eine von ihnen als „Gedenkstätte“ bezeichnete Säule errichtet, von der sie anfänglich behaupteten, sie enthalte die Asche der Ermordeten Hitlerdeutschlands. Kritik begegneten sie mit der Behauptung, sie hätten die Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft der „Lieblosigkeit entrissen“, eine moralische Ermächtigung in Form von bis zu drei Zitaten von Opfern der Shoah. Es handelt sich dabei um Zitate von Salmen Gradowski, Filip Müller und Salmen Lewenthal.

Alle der Öffentlichkeit präsentierten Zitate wurden immer in Anführungszeichen gesetzt und sind damit als wörtlich, ohne Auslassungen als zusammenhängend und unverfälscht zu verstehen. Genau das ist aber falsch. Die Zitate von Filip Müller und Salmen Lewenthal wurden durch Verkürzung ihres ursprünglichen Kontextes beraubt und in einen irreführenden Zusammenhang mit dem Zitat von Salmen Gradowski gebracht, welches das ZPS massiv verfälscht hat. Aber zunächst einmal ein weiteres Zitat, nämlich das des jüdischen Historikers Samuel Kassow.

Das Zitat von Samuel Kassow

Unter der Überschrift „Letzte Worte“ legt das ZPS Samuel Kassow folgendes Zitat in den Mund:

Samuel Kassow hat als jüdischer Historiker das Leben und Werk von Emanuel Ringelblum erforscht. Ringelblum selbst war der Archivar des Ghettos in Warschau. Das vom ZPS oben angeführte Zitat hat Kassow so nie geschrieben. Er bezog sich nie auf sich selbst, vielmehr beschrieb er damit seine Einschätzung bezüglich seines Forschungsobjekts, nämlich der Einstellung von Ringelblum. Nachzulesen ist das in „Samuel Kassow: Ringelblums Vermächtnis: Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos“. Kassow schreibt:

Screen: „Samuel Kassow: Ringelblums Vermächtnis: Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos“

Dieses Kassow direkt in den Mund gelegte Falschzitat war von Anbeginn Teil des Projekts des selbsternannten „Zentrum für politische Schönheit“ und wurde von ihnen vielfach in sozialen Netzwerken geteilt und von Medien ungeprüft übernommen. Es ist trotz Widerspruchs immer noch auf ihrer Webseite zur Aktion „Sucht nach uns“ zu finden, sowie es auch in dem vom ZPS herausgegeben Buch „Letzte Nachrichten und Zeitzeugnisse von NS-Opfern gegen das Vergessen“ zu finden ist.

Kurioserweise schreibt das ZPS hier bereits im Vorwort:

„In der Tradition Emanuel Ringelblums legt das Zentrum für Politische Schönheit eine in zweijähriger Recherchearbeit entstandene Dokumentensammlung vor. Ringelblum meinte, sein Geheimarchiv – in Milchkannen versteckt und im Warschauer Ghetto eingemauert – könne künftigen Generationen den Zugang zum Holocaust ermöglichen.“

Das ZPS vermeidet, das Archiv beim Namen zu nennen – „Oneg Shabbat“ (Freude am Sabbat) – und stellt sich selbst in die Tradition Ringelblums, also in die des jüdischen Historikers, der von den Nationalsozialisten im Warschauer Ghetto inhaftiert wurde, das Oneg Shabbat aufbaute, unter den dort herrschenden elenden Bedingungen leben musste und schließlich am 07. März 1944 mit Frau und Sohn erschossen wurde. Tradition bedeutet Wiederholung. Die Mitglieder des ZPS leben nicht unter den Bedingungen des Warschauer Ghettos, und zwar denen für Juden; sie müssen weder ihre Auslöschung fürchten noch das Leben unter einer mörderischen Besatzungsmacht dokumentieren. Man wird sie nicht erschießen, weil sie Juden, Sinti oder Roma sind. Die Mitglieder des ZPS können bequem Bücher bestellen, lesen, mit bunten Lesezeichen bekleben und in einen Bücherschrank stellen, den sie „Archiv“ nennen. Denn so war es zeitweise auf der Website des ZPS zu lesen: „Das Zentrum für Politische Schönheit hat in den vergangenen zwei Jahren ein Archiv angelegt mit den letzten Worten der Menschen, die sich den deutschen Henkern gegenübersahen und die wussten, dass sie sterben werden.“
Bedenkt man nun noch, dass sie Kassow Gedanken Ringelblums in den Mund legen, wird ihr Verständnis von Archiv, würdigem Gedenken, Forschung etc. ad absurdum geführt.

Quelle: Webseite ZPS, „Sucht nach uns“

Das Zitat von Salmen Gradowski

Ein weiteres Zitat ist das von Salmen Gradowski. Dieser war ein in Auschwitz-Birkenau inhaftierter Jude, der Arbeiten in einem Sonderkommando verrichten musste, also genau dem Sonderkommando, von dem das ZPS noch nie gehört haben will, wie sich nach deren Entschuldigung und Weiterführung des Projekts als „Schwurstätte“ zeigen sollte. Gradowski nutzte seine Zeit unter unglaublich schweren

Bedingungen und mit Hilfe anderer Gefangener, um das Grauen um ihn herum zu dokumentieren. Er wurde in Auschwitz ermordet, seine Aufzeichnungen jedoch wurden gefunden und gingen in zwei verschiedene Hände über. Unabhängig dessen hat das ZPS ein Zitat von Gradowski genutzt, um seine Selbstermächtigung zu begründen und nach eigenem Belieben nach menschlichen Überresten zu suchen. Das Gradowski vom ZPS in den Mund gelegte Zitat lautet in der von ihnen immer wieder verbreiteten Fassung:

„Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann.“

Es gibt in deutscher Sprache mehrere Referenzen des Werks von Salmen Gradowski. Zunächst die Neuübersetzung in „Die Zertrennung: Aufzeichnungen eines Mitglieds des Sonderkommandos“. Dort lautet es:

„Lieber Finder, suchen sollt ihr, überall, auf jedem Fleckchen. Da liegen zu Dutzenden Dokumente von mir und anderen begraben, die ein Licht werfen werden auf alles, was hier geschehen und passiert ist. Auch viele Zähne liegen begraben. Die haben wir Arbeiter vom Sonderkommando speziell auf dem Platz verschüttet, soviel nur möglich war. Die Welt soll lebendige Zeichen von den Millionen Getöteter finden. Wir selbst hoffen nicht, dass wir den Augenblick der Freiheit erleben können.“

Gradowski hat, so viel ist sicher,  seine Aufzeichnungen an einen Adressaten gerichtet, der als „lieber Finder“ angesprochen wird. Der Finder erhält Anweisungen, im Auftrag von Gradowski zu handeln; er soll z.B. einen seiner Verwandten in den USA benachrichtigen, auch wenn Gradowski seinen Namen nicht nennt, sondern in Zahlen kodiert. 

Aber was ist mit der Anweisung, die das ZPS behauptet? Gibt es bei Gradowski die Anweisung, Asche „auf jedem Zollbreit Erde“ zu suchen, „damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann“? 

Die Referenz des ZPS ist in „Die Wege der Asche“ der vom ZPS begleitend veröffentlichten Studie ihres historischen Leiters Hinnerk Höfling, mit „Gradowski, Salmen: Ich befinde mich im Herzen der Hölle. In Auschwitz wiedergefundene Handschriften eines Häftlings aus dem Sonderkommando, Auschwitz 2017“ angegeben (Fußnote 141 in Verbindung mit Fußnote 129, sowie im Literaturverzeichnis. Es findet sich wortgleich bereits in „Jadwiga Bezwińska: „Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos“, Verlag Staatliches Auschwitz-Museum 1972″:

„Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Unter ihr sind zehnerlei Dokumente eingegraben, die meinen und die von anderen, die ein Licht auf alles werfen, was hier geschehen ist. Auch eine Menge Zähne sind hier vergraben. Die haben wir, die Arbeiter der Kommandos, speziell auf dem Terrain verstreut, so viel man nur konnte, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann.“

Der ZPS-Historiker Höfling gibt das Zitat vollständig und so wie in die „Die Zertrennung“ auf Seite 48 seiner Studie an, reduziert um den letzten Satz.

Während Gradowski von vergrabenen Dokumenten und “begrabenen” oder “verstreuten” Zähnen berichtet, behauptet das ZPS im Widerspruch zum eigenen Historiker, Gradowski hätte geschrieben, er und seine Helfer hätten „die Asche verstreut“: „Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt […]“ (ZPS)

Was hat das ZPS gemacht, um zur Fälschung zu kommen? Es hat zunächst die Abschnitte „Unter ihr sind zehnerlei Dokumente eingegraben, die meinen und die von anderen, die ein Licht auf alles werfen, was hier geschehen ist. Auch eine Menge Zähne sind hier vergraben“ sowie „die Arbeiter der Kommandos, speziell auf dem Terrain“ und „so viel man nur konnte“ entfernt. Die entkernte Fassung lautet nun:

„Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. […] Die haben wir […] verstreut, […] damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann.“ 

In ihrem Ergebnis wurde „eine Menge Zähne sind hier vergraben“ ausgespart und stattdessen „Suchet in der Asche“ eingefügt. Das wiederrum hat mit dem Zitat Gradowskis nichts mehr zu tun, es handelt sich dabei vielmehr um die Übernahme des ins Deutsche übersetzten polnischen Titels „Szukajcie w Popiolach“ – die Erstveröffentlichung von 1964 der Aufzeichnungen von Salmen Lewenthal. Lewenthal war ein weiteres Opfer der Shoah, der in Auschwitz zur Arbeit im Sonderkommando KZ Auschwitz-Birkenau gezwungen war. Er überlebte die Shoah nicht, seine Aufzeichnungen wurden jedoch 1961 entdeckt und erschienen 1967 auf Deutsch unter dem Titel: „Briefe aus Litzmannstadt“.

Auch Lewenthal forderte auf, nach Aufzeichnungen in den in Auschwitz 1944 noch verbliebenen Aschegruben zu suchen. Das ZPS vermengt nun das Zitat Gradowskis mit dem polnischen Titel der Aufzeichnungen Lewenthals und präsentiert:

„Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Suchet in der Asche. […] Die haben wir […] verstreut, […] damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann.“

Eine dreiste Verfälschung mit massiven Konsequenzen: Die von Salmen Gradowski ursprünglich angegebenen Zähne sollten Aschegruben in Auschwitz markieren, in denen nach Dokumenten gesucht werden sollte. Gradowski berichtet in seinen Aufzeichnungen unmittelbar zuvor, wie die NS-Schergen vorhandene Massengräber öffneten, menschliche Überreste klein mahlen ließen und die ins Kleinste zermahlenen menschlichen Überreste der Opfer in die Weichsel  verbrachten, wo sie auf immer unauffindbar sein sollten.

Die Forschung berichtet, dass Salmen Gradowski ein tief religiöser Jude war. Die Behauptung „Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut“ wäre nicht nur ein Verstoß gegen das jüdische Gesetz, das von Salmen Gradowski geachtet wurde, es ist als Handlung auch sinnlos, denn was sollte verstreute Asche markieren können, wenn sie doch vom Winde verweht würde und die Eingesperrten wohl auch nichts anderes hatten, als die Taschen ihrer Häftlingskleidung, in der sie die Asche hätten heimlich transportieren können? Diese Verfälschung bedeutet – und das ist widerlich – dass das ZPS dem Shoah-Opfer Salmen Gradowski und seinen Helfern eine Handlung als Akt des Widerstands untergeschoben hat, die der NS beging und die von Gradowski verabscheut wurde. Das ZPS hat die Nachrichten von Opfern der Shoah und des Holocausts verfälscht und damit das eigene Handeln begründet. Kritikern der Störung der Totenruhe wurden die Fälschungen als Gegenbeweis präsentiert. In der durch die Aktion des ZPS in den sozialen Medien ausgelösten Welle des sekundären Antisemitismus war das falsche Gradowski-Zitat wesentlich. Das ZPS selbst hat Volker Beck, der Anzeige wegen Störung der Totenruhe erhoben hatte, dieses Falsch-Zitat als Rechtfertigung entgegengeschleudert:

Quelle Twitter, das ZPS reagiert auf Volker Becks Kritik mit dem verfälschten Zitat.

Das Zitat von Filip Müller

Auch Filip Müller wurde gezwungen, im Sonderkommando KZ Auschwitz-Birkenau zu „arbeiten“, und wurde Zeuge der Massenvernichtung in den Gaskammern und Krematorien. Angesichts des Grauens war er entschlossen, mit einer Gruppe von Landsleuten Selbstmord zu begehen, indem er ihnen in die Gaskammer folgte, ließ sich dann aber von einer Frau davon abhalten. Sie überzeugte ihn, an seinem Leben festzuhalten und der Nachwelt von den Gräueln in Auschwitz zu berichten. Müller gehörte zu den wenigen Überlebenden des Sonderkommandos und sagte 1964 im ersten Frankfurter Auschwitzprozess als Augenzeuge aus. 1979 erschienen nach 15 Jahren Arbeit am Text seine Memoiren unter dem Titel „Sonderbehandlung Drei Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz“.

Auch Müllers Bericht wurde vom ZPS verfälscht, wenn sie ihm unter Auslassung in den Mund legen: „Wir haben dafür gesorgt, dass die Welt sich in diese Erde graben würde.“
Korrekt lautet das Zitat, das aus einem Interview mit Claude Lanzmann stammt, aber:

„[…] viele Fotografien waren vergraben, die müssen noch bis heute da in Auschwitz so zu sein. Wir haben ja auch dafür gesorgt, dass die Welt mal vielleicht sich mal da in diesen Terrain graben würde.“

Damit ist der Zusammenhang bei Müller ein anderer: Es spricht von Dokumenten in Form von Fotografien, die in Auschwitz vergraben sind und die man finden kann. Das ZPS dagegen stellt einen direkten Zusammenhang mit den Gräbern her.

Gegenüberstellung: Links das Zitat auf der Webseite des ZPS, rechts das Zitat von Filip Müller im Interview mit Lanzmann 1979, wiedergegeben im Aufsatz von Andreas Kilian: Krematoriums-Archäologie in Auschwitz-Geschichte einer Wiederentdeckung, in: Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer, Seite 22

Im Zuge des Spendeneintreibens – wie wir wissen, konnte das ZPS in wenigen Tagen über 80.000 Euro einnehmen, wobei sie sich bis heute darüber ausschweigen, was konkret mit dieser Summe passiert ist – scheute das ZPS vor Nichts zurück, nicht einmal davor, die Zeugnisse der Opfer der Shoah zu verfälschen und für ihr Projekt zurechtzubiegen.

Auch eine Videodokumentation des Gesprächs mit Müller nach den Originalaufnahmen von Claude Lanzmann gibt es. Es wurde vom United States Holocaust Memorial Museum bereitgestellt. Der vom ZPS verfälsche Ausschnitt ist in diesem Youtube-Video dokumentiert.

Das Ding mit dem Schwur: „Ich schwöre Tod…“

Nachdem sich das ZPS angesichts der lauten Kritik an der Asche-Säule immer weiter in Widersprüche verfing und log, bis sich die Balken biegen, dachte man in diesem Verein, man könne sich aus der Affäre ziehen, in dem die behauptete Asche-Säule kurzerhand zur „Schwurstätte zur Verteidigung der Demokratie“ erklärt und der Asche-Kern entfernt würde. Nun berief man sich auf einen pathetischen Schwur, der da lautet Ich schwöre Tod durch Wort und Tat, Wahl und eigne Hand – wenn ich kann – jedem der die Demokratie zerstört. Die historische Relevanz des ursprünglichen Schwurs, der aus der Antike stammt, ist gleich Null. Im 19. Jahrhundert wurde er übersetzt und lautet:

Das ist insoweit erwähnenswert, weil es zeigt, wie das ZPS sich beliebigen Dokumenten bedient und Fakten so zurechtbiegt, bis sie in ihre Inszenierung und Kampagne passen. Aktuell verbindet das ZPS den historisch bedeutungslosen und umformulierten Schwur mit dem Widerstandsrecht im Grundgesetz und dem Buchenwaldschwur. 

Quelle: Webseite ZPS „Sucht nach uns“

Lassen wir das juristisch umstrittene Widerstandsrecht außen vor, das sich zurzeit in extrem rechten Kreisen besonderer Beliebtheit erfreut, und halten uns an den Schwur von Buchenwald. Dort geht es um die Einforderung von Recht, vor den „Richtern der Welt“. Die Überlebenden von Buchenwald wollten keinen Todesschwur, den jedermann nach Belieben gegen jeden richten kann, sie wollten Recht. Die Verbindung des Todesschwurs mit dem Schwur von Buchenwald ist – widerlich.

Ausschnitt aus dem Buchenwaldschwur, Quelle: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Weiterer Missbrauch und Verfälschungen

Diese dreiste Geschichtsverfälschung bezieht sich nicht nur auf die Zitate der für dieses Projekt missbrauchten Opfer der Shoah, es zieht sich durch das gesamte Projekt. So hatte das ZPS sich selbstmächtig das Gedicht von Stephan Hermlin „Die Asche von Birkenau“ angeeignet, ohne auch nur die Familie um Erlaubnis zu fragen. Diese wehrte sich und verfasste einen offenen Brief. Darin schreibt sie: „Niemals wäre Stephan Hermlin damit einverstanden gewesen, Asche von Opfern der Shoah zu irgendeinem Zweck zu benutzen und dieser Funktionalisierung sein Gedicht beizugeben.“ Das ZPS befand es nicht für nötig, auf diesen Brief unmittelbar zu reagieren.

Liebe Leute, wegen der Instrumentalisierung eines Gedichts meines Großvaters Stephan Hermlin durch das Zentrum für…

Slået op af Stella HindemithTorsdag den 5. december 2019


Auch die vermeintliche Wissenschaftlichkeit, die sich das ZPS andichtet, hat in der Realität keinen Bestand. Das weist zum Beispiel Dora Kristina am 03. Dezember bei Twitter nach. Dora Kristina schreibt (alle Screens sind ihrem Thread entnommen):

„Ich möchte auf weitere Problematiken der ZPS Aktion hinweisen und zwar, die von ihnen explizit bestätigte Tatsache, dass sie im Umfeld von Orten der Vernichtung gebohrt haben und ihre Suggestion von Wissenschaft. Ich habe mir die Webseite angesehen, den Laborbericht gelesen, die wissenschaftliche Begleitung quergelesen – nirgendwo habe ich eine konkrete Erklärung dafür gefunden, mit welchem Erkenntnisziel sie dort gebohrt haben. Man schwadroniert lang und breit davon, wo man denn überall war, redet von „tausenden historischen Quellen“, die man ausgewertet habe. Angeblich war man dabei respektvoll, hat „positive Proben“ zurück gebracht.

Real ist das nicht nachvollziehbar. Nirgendwo steht, wieviele Proben insgesamt entnommen wurden, im Laborbericht werden elf Knochen erwähnt, die sie dort untersucht haben. Von diesen sind allerdings nur zehn im Labor angekommen.

Wie ernst es dem ZPS mit dieser Untersuchung war, zeigt auch die Tatsache, dass sie die Rückfragen des Labors nicht beantworteten. Wo der elfte Knochen ist, bleibt auch unklar, eine Vorstellung, bei der mir schlecht wird.

Wende ich mich der wissenschaftlichen Begleitarbeit zu, fällt zunächst auf, dass diese vom ZPS-Haus-und-Hof-Historiker stammt. Das Vorwort ist ein politisches Manifest, er setzt sich und sein Zentrum in eine Reihe mit Archäolog_innen. So suggeriert er einen anscheinend wissenschaftlichen Gehalt des „Kunstprojekts“, das ZPS macht, was die Wissenschaft nicht leistet – revidiert ihr „Versäumnis“.

Wisst ihr, wer das ebenso macht? Schoaleugner_innen. Der bekannteste Fall ist wohl Fred A. Leuchter, der in den ehemaligen Gaskammern von Auschwitz-Birkenau Proben von den Wänden kratzte. Die Überlebendenberichte, aus denen sie zu Schock-Zwecken ein ganzes Buch gebastelt haben, werden ohne Einordnung hingerotzt, während man sich in der Tradition von Oneg Shabbat wähnt.

So wird unter dem Label historischer Forschung Politik gemacht. Es gibt keinerlei neue Erkenntnisse, die den Eingriff in die Totenruhe vielleicht rechtfertigen könnten, der eigentlichen Forschung die Befähigung abgesprochen.“ Dora schließt ihre Twitter-Kette mit folgender Ergänzung:

Das ZPS reagierte auf Nachfragen nach dem Verbleib des mutmaßlich fehlenden Knochens mit Arroganz und der nicht nachprüfbaren Behauptung, dass sie den Knochen eben nicht abgeschickt hätten. Er sei also nicht verloren gegangen. Anstatt angesichts des sensiblen Themas für größtmögliche Transparenz zu sorgen, mahnte Ruch einen Bericht bei Ruhrbarone ab. Mehr ist zu diesem Thema vom ZPS nicht zu erfahren.

Das ZPS hat behauptet, seine Aktion „Sucht nach uns“ sei den Opfern der Shoah gewidmet und gäbe ihnen ein Gesicht. Schlimmer noch, sie behaupteten von sich selbst, erst sie hätten „die Opfer der Lieblosigkeit entrissen“, was konkret bedeutet, Hinterbliebenen der Shoah seien ihre ermordeten Angehörigen bis dato egal gewesen. Das alles aber ist eine große Lüge auf dem Rücken der Opfer und ihrer Hinterbliebenen. Diese Aktion ist vielmehr von Geschichtsrevisionismus getragen, womit sich das ZPS „75 Jahre nach der Befreiung des Wirtschaftskomplexes und Vernichtungslagers Auschwitz in eine zunehmende Zahl von Akteuren ein[reiht], die das Gedenken an und die Überlieferung der Opfer der Shoah zu eigenen Zwecken ausnutzen: Der zuletzt vom ZPS behauptete Spendeneingang beträgt 93.250 Euro.“ (KonLex, Pressemitteilung)

Zur Kritik an der Säule, die als grundsätzliche Kritik an den Aktionen des ZPS verstanden werden muss, siehe auch:

Neben der Instrumentalisierung der Opfer des Holocaust, hat das Zentrum für Politische Schönheit noch ein ganz anderes Problem: Es versteht Antisemitismus nicht.

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